Musikverlage verklagen Anthropic wegen KI-Training auf Songtexten

Zwei der drei größten Musikverlage der Welt haben eine milliardenschwere Klage gegen Anthropic eingereicht. Ihr Vorwurf: Das Unternehmen hat seine KI Claude mit urheberrechtlich geschützten Songtexten trainiert - ohne Lizenz, ohne Erlaubnis.
Sony Music Publishing und Warner Chappell reichten die Klage am Freitag vor einem US-Bundesgericht ein. Ein Branchenmedium bezeichnete den Fall als "den größten Diebstahl geistigen Eigentums der Geschichte." Die Behauptung: Anthropic trainierte seine Claude-Sprachmodelle mit hunderttausenden von Songtexten, ohne eine Lizenzgebühr zu zahlen. Und Claude, so die Verlage, kann diese Texte auf Anfrage weiterhin wortgetreu wiedergeben.
Die Klage ist unabhängig von einem früheren Fall, den Universal Music Group, Concord und ABKCO gegen Anthropic angestrengt haben. In jenem Fall reichten die RIAA und die National Music Publishers Association amicus curiae-Schriftsätze ein und bezeichneten das Vorgehen des KI-Unternehmens als "unentschuldbar." Sony und Warner waren daran nicht beteiligt. Jetzt klagen sie eigenständig.
Der Vorwurf: Claude als Songtext-Jukebox
Die Verlage behaupten, Claude könne die vollständigen Texte hunderter bekannter Songs auf minimalen Prompt hin generieren - von aktuellen Hits bis zu jahrzehntealten Katalogstandards. Wenn dies zutrifft, wäre das Material nicht nur während des Trainings aufgenommen worden, sondern sei weiterhin in einer Form abrufbar, die direkt mit den lizenzierten Lyric-Diensten der Verlage konkurriert.
Music Business Worldwide beschrieb die Klage als "milliardenschwer." Hintergrund sind die gesetzlichen Schadenersatzsummen im US-Urheberrecht, die bei vorsätzlicher Verletzung für jedes betroffene Werk bis zu 150.000 Dollar betragen können.
Anthropic, das über 8 Milliarden Dollar eingesammelt hat und zuletzt mit über 40 Milliarden Dollar bewertet wurde, hat noch keine Stellungnahme eingereicht. Das Unternehmen hat jedoch früher argumentiert, dass das Training von KI auf öffentlich zugänglichen Daten - einschließlich urheberrechtlich geschützter Werke - unter Fair Use fällt. Dieselbe Verteidigung führen auch OpenAI und andere Labore in ähnlichen Verfahren an.
Der breitere Krieg zwischen Musik und KI
Dies ist nicht die einzige Klage. Es ist die jüngste Eskalation in einem sich ausweitenden Rechtskrieg zwischen der Musikindustrie und praktisch jedem größeren KI-Unternehmen.
Universal Music Group verklagte Anthropic bereits Anfang 2026. Round Hill Music verklagte sowohl Anthropic als auch Suno im August 2026. Suno selbst wurde von Warner Music Group und Dutzenden einzelnen Künstlern verklagt. Und Elon Musks X - Betreiber des Grok-Modells - verklagte seinerseits Musikverlage im Januar 2026 mit der Behauptung, die Industrie kollaboriere, um Lizenzen vorzuenthalten.
Das Muster ist klar: Musikverlage warten nicht mehr darauf, dass Regierungen KI-Urheberrechtsregeln schreiben. Sie gehen direkt vor Gericht und bauen Präzedenzfälle auf - einen Prozess nach dem anderen.
Was den Sony/Warner-Vorstoß von den anderen unterscheidet, sind die Klageparteien. Sony Music Publishing kontrolliert die Kataloge von Künstlern von Michael Jackson über Beyoncé bis Queen. Warner Chappell hält die Rechte an Werken von Madonna, Led Zeppelin und Aretha Franklin, um nur einige zu nennen. Zusammen repräsentieren sie einen Anteil am globalen Musikverlagsmarkt, der kaum zu überschätzen ist. Wenn diese beiden Akteure gemeinsam gegen ein einzelnes KI-Unternehmen klagen, signalisiert das eine koordinierte Industriestrategie - keinen isolierten Streitfall.
Was ein Sieg der Verlage bedeuten würde
Ein Urteil gegen Anthropic in diesem Fall hätte Folgen weit über ein einzelnes Unternehmen hinaus.
Das US-Urheberrecht erlaubt gesetzlichen Schadenersatz von bis zu 150.000 Dollar pro verletztem Werk. Wenn die Verlage nachweisen können, dass Claude auch nur mit einem Bruchteil ihrer Kataloge trainiert wurde - Zehntausende von Songs - würde der Schadenersatz in die Milliarden gehen. Das ist keine Geldstrafe. Das ist existenzbedrohend für jedes KI-Unternehmen mit dieser Exposition.
Über das Geld hinaus dürften die Verlage eine einstweilige Verfügung anstreben, die Anthropic zwingt, ihre Texte aus Claudes Trainingsdaten zu entfernen. Das ist technisch schwierig - ein Frontier-Modell von Grund auf neu zu trainieren ist teuer und zeitaufwändig - aber der rechtliche Präzedenzfall würde jedes KI-Labor zwingen, den Umgang mit urheberrechtlich geschütztem Text zu überdenken.
Die Standardverteidigung der KI-Industrie - "Fair Use" - wurde in diesem Maßstab noch nie gegen die Musikverlagsbranche getestet. Frühere Fair-Use-Fälle betrafen kleinere Datensätze oder andere Inhaltsarten. Ein Gerichtsurteil, dass das Training auf Songtexten eine Urheberrechtsverletzung darstellt, würde durch jedes Labor schallen, das mit Internetdaten trainiert.
Eine differenzierte Betrachtung
Die Verlage haben auf Tatsachenebene einen wirklich starken Fall. Wenn Claude tatsächlich vollständige Songtexte auf Anfrage reproduziert - keine inspirierten Fragmente, keine stilistische Nachahmung, sondern wortgetreuen Text - ist das schwer als transformative Nutzung zu verteidigen. Ein Modell, das sich wie eine durchsuchbare Lyric-Datenbank verhält, ist nicht offensichtlich "Fair Use."
Aber das breitere Argument der KI-Industrie - dass Training nicht gleich Verteilung ist - ist ebenfalls nicht falsch. Das US Copyright Office ringt selbst noch mit dieser Unterscheidung. Ein Gericht könnte befinden, dass die Aufnahme während des Trainings Fair Use ist, während die wortgetreue Ausgabe eine Urheberrechtsverletzung darstellt - und zieht damit eine Linie mitten durch den Prozess.
In jedem Fall wird dieses Urteil wahrscheinlich angefochten werden. Egal welche Seite vor Gericht gewinnt, der Verlierer wird in die Berufung gehen - und möglicherweise bis zum Obersten Gerichtshof. Die endgültige Antwort darauf, ob das Training von KI auf Musik legal ist, wird nicht schnell kommen. Aber die Eröffnungsplädoyers - die den gesamten rechtlichen Rahmen abstecken - werden gerade heute geschrieben.
Sources
- Sony Music Publishing and Warner Chappell sue Anthropic in multi-billion dollar lawsuit (Music Business Worldwide via Google News): https://news.google.com/rss/articles/CBMivwJBVV95cUxONzV0ZEROLUxEM0gwRHJMc2VlMnh3N0R1c09wbFcta2tsV2JpbnA5UE1TR0Vrd0hwQnN0MHV4bmVYaGg4aVo0TXhKeUxCN3dNZXprQkU0dVM0MXhDZ2pURGQxREdxS0paSkZwaGxpWS1GRUVrS3k2OUU1V2ZFb1JodE8tVlJVSmdnRnZsZmhTUnNaLUprR2l2eEk4QVFTVHh4a3A5SjdqWk01YjdoV2tvTEh5b2oxaWRPcDBkUzZQR0o4VDBLWURJWFdNOHFJZUZZaE0yZU0xYzFjbW93cDNqVE1OZXRwWkhwZWhsdC1Lb29vR1JBMTFlOHBPSFhSS0xNZW5UTEV1NW9CclJhb3lVRDRybjhZSllxNnZ1ekRsaUFSTGFseHl2WjNTaFM2WDB2d3J2cEVXVm5YOEIzVzRR?oc=5
- Sony and Warner Chappell Sue Anthropic Over Claude Lyric Training (Unite.AI via Google News): https://news.google.com/rss/articles/CBMikAFBVV95cUxPUlRLTl9NMVEyT2tINk56THVJSGtvaXNaSndwQkdMSGY4Umtub2FnRlFpRF9VQlVOUUNvclVpaU5iUnI2NHphRERUeDZLOXVKZHF6My1ZX1RrdDUxb3ZlTlRHNExHNzdZQ0FxWncyTUU1RV9ndDJnWW1YX0h6QXBkakNuUlU1ZkYtejM3eUFUT24?oc=5
- Sony and Warner Sue Anthropic for Intellectual Property Theft (Thurrott.com via Google News): https://news.google.com/rss/articles/CBMiqwFBVV95cUxQMkNXZVQ2Qi1yWEt4YW5nN09DeU90bHRHRlpqVzZyN2ttMTNodERRRmJvaDFVWXVreXVSRlQxVmRxVmlyQnFpQ1ZEZWpzZ0N6WUJxdUVCRlNIcWs4VnZhVnd6Y0tBOWlBVlVnTHUzZzFfdzFyUklrcWc1cHVFdW52X3dUMldBbmthaDlVYW05OGZ2VldEMlYwMTFNemdJb01Fblh4SUdvYWlJTFE?oc=5
- RIAA, NMPA file amicus brief in original Anthropic case (Music Business Worldwide via Google News, April 2026): https://news.google.com/rss/articles/CBMigwJBVV95cUxOc0VsaUxjQUlOX2RTenBoZ0dlb2tRNkI1bWdUdjVLb3U5VVlDdFN2NGgyNlZ1V29ONHZfMGNFU1dvVDYxUVc4SDV1cnZYYTd1S1QyZkNXVHBZcGx3cldVVE4tYTV2enhzRlctOU1xcjJMNGd1dEVEOUJ0MXYzWnBmZ2RvdU0wYVB4WUtRWmlWdk9UWVY1MXJGTjBUb1BCV0o1WFBJcFI3RXNONkRiTkRHaVpoVW91alZ0S2RQckUyd3dUalROSmh0WnVhZ1hocEhzdFFEb3lVb016UV9hN1dKaHduOF83T1B1TWxHcy1tZ0JIYkh2S05Nb3U0Yl9qQzRIclpZ?oc=5
- Round Hill Music sues Suno and Anthropic (Music Week via Google News, August 2026): https://news.google.com/rss/articles/CBMioAFBVV95cUxNeXpzc0FtcjY1RDMzWU40Tm94c0pMTF85V2N2Q3AtNUFWRjAxYTVpM051WFV2ekpUcVpxSUxjdVZyRWtmMDlUc0ZXWXlwM2xVeERONlc1VUp0UG9rMUdjLU1wREU0Ul80aHh0Nm9odXhzcmd2QWZIdEF5WVNwWjk0Mm9WV1FxS1RHZ21HUW5JbGhlZlpzVWxhUTNFbWloQXRV?oc=5