Jensen tadelte sie. Sein Manager war mit im Geschäft.

Im Mai 2026 stellte sich Nvidia-CEO Jensen Huang vor die Tech-Industrie und rügte Supermicro für dessen mangelhaftes Compliance-Programm. Eine Lösung sei überfällig, sagte er. Sein Unternehmen bestehe auf Partner, die die Regeln einhalten.
Drei Monate später klagte Taiwan einen senior Nvidia-Manager an -- weil er mit im Geschäft war.
Am Montag erhoben Staatsanwälte in Keelung Anklage gegen neun Personen, darunter einen Nvidia-Manager und zwei Supermicro-Mitarbeiter, wegen Urkundenfälschung im Zusammenhang mit dem illegalen Export beschränkter KI-Server nach China. Die Anklage wirft ihnen vor, die Umleitung von Hunderten hochwertiger Nvidia-B300-Server vertuscht zu haben -- 74 davon erreichten trotz US-Exportkontrollen, die solche Verkäufe seit 2022 verbieten, letztlich chinesische Kunden.
Die Anklage gegen den Nvidia-Manager hat eine Ironie, die in den trockenen Dokumenten der Staatsanwaltschaft nicht vorkommt. Die öffentliche Compliance-Inszenierung des CEO entpuppt sich als Bühnenspiel, dessen Nebendarsteller ein ganz anderes Drehbuch schrieben.
Das Schema, das China versorgte
Die Schmuggeloperation war keine Einzeltat. Sie war eine koordinierte Pipeline über mehrere Unternehmen und Länder hinweg.
Taiwans Ermittlungen ergaben, dass die Mitverschworenen Dokumente fälschten, um vorzutäuschen, dass 130 B300-Server in einer taiwanesischen Anlage installiert und in Betrieb seien. In Wirklichkeit wurden 74 dieser Server an chinesische Kunden umgeleitet, während 56 erst abgefangen wurden, als der taiwanesische Zoll Unregelmäßigkeiten in den Papieren entdeckte. Der noch flüchtige Verdächtige soll Gelder von einem beteiligten Distributionsunternehmen abgezweigt haben.
Das Ausmaß des Problems geht weit über diese einzelne Anklage hinaus. Im März verhafteten US-Behörden Supermicro-Mitgründer Wally Liaw, weil er seit 2024 angeblich KI-Server im Wert von 2,5 Milliarden Dollar nach China geschleust haben soll. Dieser Fall löste Taiwans separate Ermittlungen aus, die nun mindestens 12 Standorte ins Visier genommen haben.
Supermicro hat bestätigt, dass es mit den Ermittlern kooperiert und bereits mehrere Mitarbeiter entlassen hat, die mit dem Schema in Verbindung stehen. Das Unternehmen betonte, dass es nicht Ziel der Ermittlungen sei und dass eine interne Untersuchung die aktuellen Führungskräfte entlastet habe.
Jensens Rüge im Rückblick
Der Zeitablauf ist entscheidend für die Ironie.
Im Mai, bevor Nvidia-Mitarbeiter mit dem Schmuggel in Verbindung gebracht wurden, kritisierte Jensen Huang Supermicro öffentlich für dessen Compliance-Versäumnisse. "Wir bestehen darauf, dass unsere Partner compliant sind", sagte er damals. "Wir hoffen, dass sie ihre Regulierungseinhaltung verbessern und verhindern, dass so etwas in Zukunft passiert."
Die Aussage liest sich heute anders. Taiwans Staatsanwälte sagten, die angeklagten Mitarbeiter seien sich "vollständig bewusst" gewesen, dass sowohl Nvidia als auch Supermicro strenge interne Kontrollverfahren für Exporte nach China haben. Dennoch wurde das Schema immer dreister. Laut einem Gastbeitrag in The Hill von China-Expertin Lauren Barden-Hair war das Supermicro-Team so zuversichtlich, die Kontrollen umgehen zu können, dass es "immer kühnere Deals" abschloss.
Beide US-Unternehmen müssen nun ihre internen Kontrollen überprüfen. Die Anklage stellt klar: Export-Compliance ist keine reine Unternehmenspolitik mehr -- sie hat strafrechtliche Konsequenzen.
RASA: Schließung der Cloud-Lücke
Der Fall treibt auch eine Gesetzesinitiative in Washington voran. Der Remote Access Security Act (RASA) würde US-Exportkontrollen auf den Fernzugriff über Cloud-Dienste auf beschränkte Hardware und Software ausweiten.
Die Gesetzeslücke ist in der Branche bekannt. Chinesische Unternehmen können Nvidia-Chips derzeit über Rechenzentren in Südostasien remote nutzen und so physische Exportbeschränkungen umgehen. Laut CNBC ist der Fernzugriff auf Rechenleistung ein entscheidender Faktor für die Fortschritte chinesischer KI-Modelle bei Alibaba, ByteDance und Tencent.
RASA würde Cloud-Anbieter zwingen, bessere Know-Your-Customer-Protokolle zu implementieren -- und dürfte auf Widerstand der Industrie stoßen.
Geschichte wiederholt sich
In ihrem Gastbeitrag zog Lauren Barden-Hair eine direkte Linie zwischen diesem Fall und dem "Chinagate"-Skandal von 1998, bei dem China südostasiatische Unternehmen als Tarnung zur Beeinflussung von US-Wahlen nutzte. Dasselbe Skript -- die Kultivierung von Geschäftsmagnaten mit engen China-Verbindungen, die aber außerhalb des chinesischen Hoheitsgebiets ansässig sind -- scheint erneut angewendet zu werden.
"Es ist leicht, nach einer Katastrophe auf Fehler hinzuweisen", schrieb Barden-Hair. "Aber es ist wichtig, dass wir die richtigen Lehren aus dem Supermicro-Skandal ziehen." Für die USA geht es nicht nur darum, neue Gesetze zu verabschieden. Es geht darum, die bereits bestehenden durchzusetzen -- und sicherzustellen, dass wenn ein CEO einen Partner für Nichteinhaltung rügt, seine eigenen Mitarbeiter nicht stillschweigend dasselbe Verhalten ermöglichen.
Sources
- Ars Technica: Nvidia senior manager linked to Supermicro scheme smuggling AI servers to China
- Reuters: Taiwan indicts 9 over illegal export of AI servers to China
- Tom's Hardware: Jensen Huang critical of Supermicro compliance before Nvidia employees linked to smuggling
- CNBC: Remote Access Security Act would extend US chip export controls to cloud computing
- The Hill: Chinagate playbook repeats in Supermicro chip scandal